Lyrik

Lyrik

 

 

 

 

 

Lyrik ist kein schöngeistiges Vergnügen
Weder ästhetischer Genuss
Noch bildungsbürgerliche Pflicht

Sie schleicht durch das Entsetzen
Klettert über all die Toten
Kriecht durch die Ruinen
Und atmet flach in den
Ausdünstungen vergiftender Lügen

Lyrik ist ein Totengräber
Sterbebegleiter
Und eine slawische Krankenschwester
Die in der Seniorenresidenz
Auf der Pflegestation
Einem überzeugten Altnazi
Das verkotete welke Gesäß wäscht

Sie ist Feuer im Weihwasserkessel
Und Salz in der eiternden Wunde
Das Megaphon für stumme Schmerzensschreie
Und die Stimme des Schöffen
Der immer und in JEDEM Fall Freispruch vordert

Lyrik ist ein Fieber
Während des Schüttelfrostes
Und jene Glocke
Die zugleich für das Begräbnis
Und eine Geburt läutet

Sie ist ein Schmetterling
Hinter dem der Insektensammler
Mit seinem Fangnetz jagd

Nur ein laues Lüftchen
Vor dem Sturm
Jenes kurze Aufblitzen
In eines Auges Licht
Bevor es bricht

 

 

 

 

 Für Wolgang Borchert (1921-1947)

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